Der anthropologischen Literatur fehlt es nicht an Funktionsbeschreibungen derjenigen sozialen Institutionen, welche die Gesamtheit oder Teile der Handlungen derjenigen Personen kontrollieren, welche sie über kürzere oder längere Zeit beherbergen: Spezifische Macht- und Hierarchieformen organisieren ihren Alltag; Personal, Bewohner bzw. Insassen, Besucher und weitere Beteiligte schmieden Bündnisse, bilden Koalitionen, organisieren ihren Austausch und entwickeln Rituale und Strategien. Sie sind manchmal auf Dauer dazu verpflichtet zusammen in den Strukturen zu leben, welche die Bewohner versorgen, sie gefangen halten oder ausbilden.

Viel seltener ist hingegen die Fokussierung auf die entscheidenden Momente des Übergangs, auf die Grenzbereiche, die Inszenierung von Brüchen oder - im Gegenteil - von Kontinuitäten zwischen den sozialen Institutionen und den familiären, beruflichen, öffentlichen, juristischen oder schulischen Bereichen. Diese Fokussierung erlaubt jedoch die Analyse der besonderen Situation und der damit verbundenen Rituale, welche die Ankunft von Neuankömmlingen oder der Weggang von Etablierten mit sich bringt: Stets ist in diesem Momenten das Gleichgewicht in der kollektiven Dynamik gefährdet. Die Fokussierung auf den Übergang erlaubt weiter ein Herausarbeiten von Eigenschaften dieser Einrichtungen wie Offenheit und Stabilität, sie erlaubt es auch zu verstehen, wie diese Institutionen denken und ihre Aussenwelt konstruieren, zu erfassen, wie die vorausgehenden Umstände zu einer Einweisung führen sowie die kurz- und langfristigen Folgen einer "strukturierenden Auszeit", die ein Aufenthalt in einer Einrichtung dieser Art bedeuten kann. Die Konzentration auf den Übergang ermöglicht weiter die Art und Weise zu beleuchten, in der die Geschichte von Einrichtungen oder die Erinnerung der Bewohner sich formt, insbesondere durch die Informationen, die etwa beim Wechsel von einem Ort des institutionalisierten Lebens zu einem anderen mitgetragen werden.

Im Sinne dieser Überlegungen schlagen wir vor, den Eintritt in ebenso wie den Austritt aus den sozialen Einrichtungen als Drehpunkt für das nächste Dossier in Tsantsa 16.2010 zu nehmen. Die dafür in Frage kommenden Institutionen sind diejenigen welche professionell eine Reihe von Personen aufnehmen welche eine Schicksalsgemeinschaft bilden können ohne notwendigerweise hierarchisch strukturiert sein zu müssen: Dies sind etwa Vollzugsanstalten, Internate, Erziehungsheime, Altersheime, Psychiatrische Kliniken, Sterbehospize oder Einrichtungen für unheilbar kranke Personen, Empfangszentren für Asylbewerber.

Die Artikel können einerseits diese Momente des Ein- oder des Austritts dokumentieren, während denen sowohl die internen als auch die externen Akteure oft dazu verpflichtet sind, sich rituell zu inszenieren und ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe übereinstimmen zu lassen - wenn auch oft auf eine illusorische und kurzlebige Art und Weise.
Auf der anderen Seite können die vorgeschlagenen Artikel auch die verschiedenen Stationen der Einweisung in eine soziale Einrichtung, der Werdegang nach einem Aufenthalt in einer Einrichtung und die Beziehungen zwischen der Institution und ihrer Aussenwelt analysieren.
Die Artikel sollen zur Weiterentwicklung der anthropologischen Reflexion über die institutionelle Kontrolle, die Art und Weise, wie die Kräfteverhältnisse, die Wirkungen, das Selbstverständnis und der Auftrag dieser sozialen Institutionen ausgehandelt, wahrgenommen und gelebt werden beitragen. Dies nicht nur zwischen den Verwaltern und den Verwalteten dieser Einrichtungen sondern auch zwischen jenen, welche die Kontrolle ausüben und/oder Kompetenzen an die Verwalter delegieren und jenen, die den Verwalteten nahe stehen.

Empirisch und theoretisch fundierte Beiträge können sich an einem der folgenden, sich gegenseitig nicht ausschliessenden Aspekte bzw. Ansätze orientieren:

Die Artikel können auf Deutsch, Französisch, Italienisch oder Englisch verfasst werden. Die Vorschläge sind per Email gleichzeitig an Marc-Antoine Berthod (maberthod@eesp.ch) und Gaëlle Aeby (gaelle.aeby@unige.ch) zu senden.

Termine

Weitere Informationen zu Tsantsa, der Zeitschrift der Schweizerischen Ethnologischen Gesellschaft, sowie genauere Hinweise für AutorInnen finden sich unter:
http://www.seg-sse.ch/de/publications/tsantsa.shtml

Call for papers auf deutsch (PDF).

Bitte leiten Sie diesen call for papers an andere mögliche InteressentInnen weiter! Danke!

Abgabeschluss (für Tsantsa 16.2011): 30. juni 2010

Die Rubrik "freie Artikel" veröffentlicht freie Beiträge, die sich mit theoretischen Fragen der Sozial- und Kulturanthropologie auseinandersetzen oder empirische Daten über wenig behandelte Themen vorstellen. Die Texte sollten Perspektiven öffnen, originelle Hypothese entwickeln, Schlüsselkonzepte anders beleuchten oder neue analytische Werkzeuge anbieten. Artikel werden einem (internen und externen) peer-review-Verfahren unterzogen.

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